Kripke: Name und Notwendigkeit

1. Einleitende Worte zu Kripkes "Name und Notwendigkeit"

Kripkes Vorlesungen aus dem Jahre 1970, die später als Name und Notwendigkeit abgedruckt worden sind, haben einen großen Einfluss auf die analytische Philosophie ausgeübt. Meine Aufgabe in diesem Aufsatz soll es sein die wesentlichen Punkte dieses Werkes herauszuarbeiten und dabei auch etwas Kritik zu üben (wobei diese eher zu kurz kommen wird). Als erstes werde ich Kripkes Kritik an der zu seiner Zeit in der analytischen Philosophie vorherrschenden Kennzeichnungstheorie der Namen ausführen und seine Alternative (Kausaltheorie der Namen) erläutern. Als zweites werde ich auf die Unterscheidung zwischen apriorischen Wahrheiten und notwendigen Wahrheiten eingehen, indem ich zeigen werde (wie Kripke es getan hat), dass diese Wahrheiten nicht zusammenfallen (Notwendigkeit und Apriorizität sind weder synonym noch koexistent). Drittens vermutet Kripke einen starken Zusammenhang zwischen Eigennamen und natürlichen Arten, wie ich erläutern werde. Und zuletzt ergeben sich aus Kripkes Überlegungen zu der Referenz von Namen und der Notwendigkeit auch Konsequenzen für das Leib-Seele-Problem. Kripke argumentiert gegen die materialistische Identitätstheorie.

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2. Kripkes Kritik an der Kennzeichnungstheorie

Die Kennzeichnungstheorie für Namen gibt es wohl in zwei Versionen: Die erste Version steht in der Tradition von Frege und Russell. Ein Name ist nach dieser Theorie lediglich eine verkleidete Kennzeichnung. (Wobei Russell davon spricht, dass die Namen, von denen wir im Alltag sprechen, in Wirklichkeit keine Namen sind, sondern Kennzeichnungen. Die einzigen wirklichen Namen sind „dies“, „jenes“ etc.) Die zweite Version wurde im Besonderen von Searle vertreten, Kripke schreibt sie aber auch Wittgenstein zu. Einem Name entspricht nach dieser Theorie nicht nur eine einzige Kennzeichnung, sondern ein Bündel von Kennzeichnungen bzw. Beschreibungen.

 

Nach der Kennzeichnungstheorie hat ein Name eine Konnotation, d.h. eine Bedeutung, die man durch Beschreibungen angeben kann. Im Gegensatz dazu ist der ‚klassische‘ Theoretiker einer Namentheorie, Mill, davon ausgegangen, dass Namen nicht konnotieren. Die Kennzeichnungstheorie scheint nun gegenüber Mill den Vorteil zu haben, dass sie erklären kann, wie man die Referenz eines Namens festlegt. Ein Name wird nach dieser Theorie durch eine Beschreibung angegeben, die gegenüber den anderen Namen einen Gegenstand als einzigen herausgreift. Z.B. greift die Beschreibung ‚schreibt am 21.12.2010 in der Burse eine Klausur über Saul A. Kripke‘ eine Person als einzigen heraus, in diesem Fall wäre das wohl ‚Markus Vogt‘. Dagegen kann die Millsche Auffassung anscheinend nicht erklären, wie die Referenz eines Namens festgelegt werden kann, da nach dieser Namen nicht konnotieren. Ein weiterer Vorteil dieser Auffassung liegt (auf den ersten Blick) darin begründet, dass sie Sätze wie ‚der Morgenstern ist der Abendstern‘ von Sätzen wie ‚der Abendstern ist der Abendstern‘ unterscheiden kann (das Beispiel und die folgende Erklärung ist bekanntlich von Frege). Während der letzte Satz eine Tautologie ist, ist der erste ein Satz einer, der erst durch empirische Entdeckung als wahr erkannt werden kann. Nach der Beschreibungstheorie kann man nun sagen, dass man, wenn man den Abendstern als den Stern beschreibt, der am Abend erscheint, und den Morgenstern als den Stern, der am Morgen erscheint, diese beiden Sterne einen unterschiedlichen Sinn, eine unterschiedliche Bedeutung haben. Zudem beschreibt man die Situation einfach so, dass sich beide auf dasselbe beziehen. Denn beide Namen haben ja dieselbe Referenz. Es scheint so dass der klassische Namentheoretiker demgegenüber sagen müsste, dass beide Sätze (‚A=A‘ und ‚M=A‘) dasselbe bedeuten und beide mehr oder weniger Tautologien sind, was sich sicherlich nicht besonders gut mit unseren Intuitionen vereinbaren lässt.

 

 

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Die Bündeltheorie scheint nun die Kennzeichnungstheorie verbessert zu haben. Jede Kennzeichnung, mit der man die Referenz eines Namens bestimmen will, könnte kontingent sein. Deshalb sollte man wohl davon ausgehen, dass eine hinreichend große Anzahl an Kennzeichnungen auf einen Namen zutrifft, dass man ihn im Alltag als einzigen herausgreifen kann. Kripke meint nun, dass sich die Kennzeichnungstheorie bzw. die verbesserte Bündeltheorie auf zwei Weisen vertreten lässt. Einmal als Theorie über die Bedeutung und einmal als Theorie über die Referenz. Im ersten Fall wäre ein Name synonym mit einer oder einem Bündel von Beschreibungen und im zweiten Fall würde(n) die Beschreibung(en) lediglich die Referenz festlegen. Kripke zeigt, dass beide Theorien fehlgehen müssen. Seine Alternative ist eine Theorie, in der der Name gar nicht mehr referiert, sondern in der Kommunikationsgemeinschaft weitergegeben wird.

 

Doch, wenn diese Theorie derartige Vorteile hat gegenüber der ‚klassischen‘, was ist dann das Problem an ihr? Erstens ist es wohl möglich, dass sie nicht besonders gut mit unseren Intuitionen in Einklang zu stehen scheint. Dazu ein Beispiel: Der Name ‚Kolumbus‘ referiert nach der Meinung von vielen Menschen auf diejenige Person, die der Entdecker von Amerika ist. Doch nun ist es wohl in Wirklichkeit so, dass es schon früher jemanden gab, der Amerika entdeckt hat. Da aber nach der Kennzeichnungstheorie die Beschreibung ‚Entdecker von Amerika zu sein‘ referenzfixierend (oder gar synonym) für Kolumbus ist, muss man, wenn man entdeckt, dass Kolumbus nicht der Entdecker von Amerika ist, den Namen ‚Kolumbus‘ für diejenige Person aufgeben, von der wir bisher dachten, dass sie Kolumbus sei. Nach der Kennzeichnungstheorie hieße demnach nicht der von dem wir dachten, dass er Kolumbus sei ‚Kolumbus‘, sondern die Person, die in Wirklichkeit Amerika entdeckt hat. Das aber ist wohl nicht das, was wir tatsächlich sagen würden. Wir würden vielmehr davon ausgehen, dass die Kennzeichnung ‚Entdecker von Amerika zu sein‘ nur eine kontingente Eigenschaft von Kolumbus ist und den Namen ‚Kolumbus‘ immer noch für die historische Person Kolumbus verwenden.

 

Zum Zweiten ist es wohl so, dass eine derartige Referenzfestlegung von Namen, wie die Kennzeichnungstheorie uns das vorschlägt, in einen vituosen Zirkel führt. In Wirklichkeit wissen wir nämlich, wenn wir den Namen ‚Kolumbus‘ für die Person verwenden, die Amerika entdeckt hat, nur, dass die meisten Personen davon ausgehen, dass diese Beschreibung auf Kolumbus zutrifft. Wir würden also demnach die Referenz von ‚Kolumbus‘ durch die Referenzfestlegung ‚diejenige Person, von der die meisten denken, dass sie Amerika entdeckt hat‘ bestimmen. Wir müssten also erst auf diejenige Person (also Kolumbus), von der die meisten Menschen etwas denken, referieren, um die Referenz zu bestimmen. Kurzum: Wir müssten für die Referenzfestlegung die Referenz schon vorher wissen. Wenn die Referenz aber durch die Referenz erklärt wird, dann ist das leider keine wirkliche Erklärung der Referenz.

 

Ein dritter Punkt wäre der: Kripke geht davon aus, dass die Bündeltheorie impliziert, dass dem Namen eine Reihe von Beschreibungen entsprechen und der Name nur dann referiert, wenn einige eindeutige Beschreibungen zutreffen. Es muss also, damit der Name eine Bedeutung/Referenz hat, erst eine hinreichend große Anzahl von Beschreibungen erfüllt sein. Dies ist aber wohl nicht immer der Fall. Wenn man nun für ‚Albert Einstein‘ als einzige Kennzeichnung ‚ist ein Physiker‘ zur Verfügung hat, weil alle anderen Kennzeichnungen ihn zwar als einzigen herausgreifen, aber doch zu speziell sind, dann referiert der Name trotzdem. Oder andersherum: Wir haben eine Person, von der wir alle vollkommen falsche Meinungen haben. Ist dann die Person nicht die Person, die sie ist? Wohl kaum. Wir würden hier eine Situation beschreiben, in der die Person existiert und einen Namen hat, der auf sie referiert. Jedoch wären alle unsere Meinungen, die wir je über sie hatten, falsch.

 

Was ist nun Kripkes Alternative? Nachdem er nachgewiesen hat, dass es falsch ist, dass der Name mit einer Kennzeichnung synonym ist, d.h. dass eine oder ein Bündel von Beschreibungen die Bedeutung eines Namens festlegt, fragt er sich auch, ob die zweite Möglichkeit – die Kennzeichnungstheorie als eine Theorie zur Festlegung der Referenz zu verwenden – plausibel ist. Dabei fällt ihm ein Beispiel von Strawson auf, der davon ausgegangen ist, dass die Referenz innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft immer weitergegeben wird. Doch Kripke verwirft auch diese Möglichkeit. Denn wenn die Referenz immer weitergegeben würde, dann müsste sich ja jedes Mitglied der Sprachgemeinschaft erinnern können, woher es die Referenz eines Namens denn hat. Das ist wohl nicht der Fall. Deshalb nimmt er die Idee von Strawson auf, dass ein Name in einer Kommunikationsgemeinschaft immer weitergegeben wird, verwirft aber die Idee, dass dazu eine Referenzfestlegung vonnöten ist. Bei Kripke kann man sich die Namensgebung wie folgt vorstellen: Ein Name wird in einem Art Taufakt durch eine Referenz oder Beschreibung festgelegt. Der Name wird nun von Glied zu Glied in einer Sprechergemeinschaft in einer Art Kommunikationskette weitergegeben. Dabei ist es nicht vonnöten, dass sich irgendein Sprecher noch an die ursprüngliche Referenzfestlegung erinnert. Der Name bezeichnet auch dann starr ein bestimmtes Ding, wenn er ohne Beschreibung auskommt.

 

3. Apriorizität und Notwendigkeit

 

Traditionell war man davon ausgegangen, dass notwendige Wahrheiten gleichzeitig auch apriorische Wahrheiten sind (und andersherum). Kant z.B. hat das vertreten und später auch die Mitglieder des Wiener Kreises, nach denen es nur analytische und empirische Wahrheiten gab. Kripke kritisiert diese Ansicht. Nach ihm ist der Begriff der Apriorizität einer der Erkenntnistheorie und der der Notwendigkeit einer der Metaphysik. Wobei hier Metaphysik im nichtspekulativen Sinne gemeint ist. Man könnte wohl auch ‚analytische Ontologie‘ sagen. Nach Kant war eine apriorische Wahrheit eine Wahrheit, die unabhängig von Erfahrung erkannt werden kann. Der Gegenbegriff einer aposteriorischen Wahrheit ist einer, der besagt, dass dies eine Wahrheit ist, die rein aus der Erfahrung kommt. Dagegen kann man eine notwendige Wahrheit als eine bezeichnen, die in allen möglichen Welten gilt. Eine kontingente Wahrheit würde dann in mindestens einer möglichen Welt nicht gelten. Der Begriff der ‚möglichen Welt‘ bedarf hier der Erklärung. Damit ist nicht eine qualitativ gegebene Welt gemeint, die wir beobachten können, sondern eine mögliche oder kontrafaktische Situation. Wenn wir von den Dingen, die wir als gegeben in dieser Welt annehmen, ausgehen, können wir andere kontrafaktische Situationen beschreiben, in der ein paar Dinge oder nur ein Ding, das in dieser Welt existiert, etwas anders konfiguriert sind (ist). Kripke rollt den Begriff der möglichen Welten über den des starren Designators auf. Ein starrer Designator ist ein Name oder eine Kennzeichnung, die wir festsetzen, um über diesen in verschiedenen Situationen sprechen zu können. Z.B. ist der Name ‚Obama‘ ein Name, den wir in dieser Welt für eine bestimmte Person festsetzen. Wir können uns jetzt andere Situationen vorstellen, in denen Obama etwas anderes getan hat, als das, was er in Wirklichkeit getan hat. Z.B. wenn Obama eine Atombombe gezündet hätte, dann hätte er wohl nicht den Friedensnobelpreis bekommen. Beide Beschreibungen (Atombombe zünden/Friedensnobelpreis bekommen) sind kontingente Eigenschaften, die er auch nicht hätte tun können bzw. die ihm nicht zugesprochen hätten werden können. Mögliche Welten sind deshalb keine tatsächlich existierenden Welten, sondern Arten wie wir die Welt unter den gegebenen Umständen noch hätten beschreiben können. Sie werden deshalb nicht „entdeckt“, sondern „festgesetzt“. Deshalb kann man auch sagen, dass wenn wir die möglichen Welten auf richtige Weise beschreiben, wir direkt Einsichten darüber bekommen, welche möglichen Welten es gibt. Mögliche Welten haben aus dem Grunde, dass man sie nicht entdecken kann, auch nichts mit Erkenntnistheorie und Apriorizität zu tun.

 

Dennoch gab es lange das Vorurteil, dass das was in allen möglichen Welten gibt, auch unabhängig von unserer Erfahrung bekannt sein muss. Denn wir müssen ja nur alle möglichen Welten durchschauen, um zu sehen, ob es dort etwas Bestimmtes gibt oder nicht. Und dies kann vor aller Erfahrung geschehen. Doch hier gibt es Gegenbeispiele: Wasser ist ein rigider Designator und H2O ist auch ein rigider Designator. Wir legen fest, dass beide in allen möglichen Welten dasselbe bedeuten. Dass Wasser identisch mit H2O ist, konnte nun aber nicht a priori gewusst werden, dafür musste die empirisch arbeitende Naturwissenschaft erst ihr Werk vollbracht haben. Trotzdem gilt diese Identität in allen möglichen Welten, da sie eben eine Identität zwischen zwei rigiden Designatoren ist. Sie ist deshalb eine notwendige Wahrheit. Es zeigt sich also, dass Notwendigkeit und Apriorizität in diesem und ähnlichen Beispielen nicht zusammenfallen.

 

Ein weiteres Vorurteil ist, dass Philosophen oft davon ausgegangen sind, dass alles, was man ohne Hinschauen erkennt, auch notwendig erkennen können muss. Doch auch hier gibt es Gegenbeispiele. Z.B. könnten wir ja einfach etwas definieren, dafür benötigt man keine empirische Wissenschaft. Dennoch könnte die Eigenschaft, die man einer Entität per definitionem zuspricht, eine kontingente Eigenschaft sein. Kripke hat hier folgendes Beispiel: Der Standardmeter wurde in Paris durch eine bestimmte Länge eines bestimmten Stabes zu einem bestimmten Zeitpunkt definiert. Der Meter ist dabei ein starrer Designator. Es ist nicht möglich, dass wenn etwas als ein Meter festgelegt wird, dass es dann in einer anderen möglichen Welt eine andere Länge hat. Dagegen ist die Länge eines Stabes zu einem bestimmten Zeitpunkt eine kontingente Eigenschaft. Der Stab könnte sich in einer anderen kontrafaktischen Situation durch Wärme verformt haben. Die Aussage ‚dieser Stab (der Urmeter von Paris) ist zum Zeitpunkt t einen Meter lang‘ ist jedoch a priori, weil sie einfach eine Definition ist. Dennoch kann sie nur eine kontingente Aussage sein, da die Länge des Stabes zum Zeitpunkt t eben nicht rigide ist. Kontingenz und Apriorizität können folglich auch zusammenfallen. Deshalb stimmt die traditionelle Auffassung von Notwendigkeit und Apriorizität nicht.

 

Wir bekommen also ein Viererschema: Es gibt Sätze, die notwendig und apriorisch sind wie ‚der Morgenstern ist der Morgenstern‘ (Kripke nennt diese analytisch, während er alle anderen Sätze als synthetisch definiert); es gibt Sätze, die notwendig und aposteriorisch sind wie z.B. ‚der Abendstern ist der Morgenstern‘; es gibt Sätze, die kontingent und apriorisch sind wie ‚dieser Stab (der Urmeter von Paris) ist zum Zeitpunkt t einen Meter lang‘; und zuletzt gibt es Sätze wie ‚Saul Kripke trägt einen weißen Vollbart‘. Diese sind kontingent und aposteriorisch. Während ‚Saul Kripke‘ ein starrer Designator ist, ist ‚trägt einen weißen Vollbart‘ ein akzidentieller Designator. Außerdem kann man diesen Satz erst durch Erfahrung herausbekommen.

 

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4. Essentielle Eigenschaften und Natürliche Arten

Kripke argumentiert für essentielle Eigenschaften. Z.B. stammt Queen Elizabeth II. von genau den Eltern ab, von denen sie in Wirklichkeit abstammt. Es ist nicht möglich, dass sie von anderen Eltern abstammt, d.h. es gibt keine mögliche Welt, in der sie von anderen Eltern abstammt, weil sie dann eine andere Person wäre. Selbst wenn es in einer möglichen Welt eine qualitativ identische Queen Elizabeth II. mit anderen Eltern gäbe, d.h. eine Queen, die genau gleich aussehen und exakt das Gleiche tun würde, dann wäre das keine mögliche Welt, in der die Queen andere Eltern hätte. Denn dass die Queen aus dieser Eizelle und aus dieser Samenzelle entstanden ist, aus der sie tatsächlich stammt, ist keine kontingente Eigenschaft der Queen, sondern eine notwendige bzw. essentielle. Dagegen ist natürlich, dass Queen-Sein von Queen Elizabeth II. eine kontingente Eigenschaft von ihr. Es hätte jemand anderes Queen sein können und sie selbst hätte es nicht sein können. Dagegen ist es unmöglich, dass jemand andere Eltern hat, als die, die er in Wirklichkeit hat, weil andere Eltern eben nicht die identische Person zeugen können. Ein weiteres Beispiel: Ein bestimmter Tisch, der tatsächlich vollständig aus Holz besteht, kann nicht aus Eis bestehen. Wenn ich frage: ‚Ist es möglich, dass dieser Tisch (der aus Holz besteht) aus Eis besteht?‘ – dann ist die Antwort ein klares ‚Nein‘. Nun könnte es so scheinen, dass es so ist. Dann sprechen wir aber nicht von diesem Tisch als diesem Tisch, sondern von einem anderen Tisch, der zwar qualitativ identisch wie dieser Tisch aussieht, aber nicht dieser Tisch ist. Es ist also nicht denkbar, dass etwas, was etwas ist, etwas anderes ist, sondern es ist nur möglich, dass es eine qualitativ identische Situation gibt, in der etwas so wie etwas anderes wahrgenommen wird, es dieses aber in Wirklichkeit nicht ist.

 

Nicht nur Namen haben bei Kripke derartige essentielle Eigenschaften, sondern auch Termini natürlicher Arten. Nehmen wir z.B. die Art ‚Tiger‘. So kann es uns scheinen, dass die Tatsache, dass alle Tiger Streifen haben eine essentielle Eigenschaft von Tigern ist. Doch wir wären dann gezwungen zu sagen, wenn es sich herausstellen würde, dass wir einer optischen Täuschung erlegen haben und zumindest manche Tiger keine schwarzen Streifen haben würden, diese Tiger keine Tiger sind. Doch dies scheint unplausibel. Womöglich würden wir das nicht sagen. Vielmehr würden wir sagen, dass es eben manche Tiger gibt, die keine schwarzen Streifen haben. Demnach wäre diese Eigenschaft nur eine kontingente von Tigern. Oder wenn man herausfindet, dass Gold nicht gelb ist, dann würde in den Finanzblättern nicht stehen, dass Naturwissenschaftler herausgefunden haben, dass es gar kein Gold gibt und die Börsen würden zusammenbrechen (zumindest zu Zeiten des Goldstandards). Vielmehr würde man sagen, dass Gold in Wirklichkeit eine andere Farbe hat. Gelbsein wäre also eine kontingente Eigenschaft von Gold. Die charakteristischen Eigenschaften müssen folglich nicht immer die wesentlichen Eigenschaften sein. Dagegen ist die Tatsache, dass Gold die Ordnungszahl 79 hat, eine wesentliche Eigenschaft von Gold. Alles, was zwar so aussieht wie Gold, aber nicht diese Ordnungszahl 79 hat und z.B. eine andere Mikrostruktur hat, ist nicht Gold. Oder ein Wesen, dass so aussieht, wie ein Tiger, in Wirklichkeit aber eine andere Mikrostruktur hat, ist eben kein Tiger. Die wesentlichen Eigenschaften, die für etwas wie eine natürliche Art in allen möglichen Welten gelten, sind Eigenschaften, die meistens erst von der Naturwissenschaft herausgefunden werden können. Dagegen können Eigenschaften, die uns prima facie als wesentlich erscheinen überhaupt nur kontingente Eigenschaften sein. Natürliche Arten-Begriffe funktionieren hier ganz gleich wie Eigennamen. Sie haben auch keine Bedeutung durch Beschreibungen und die wesentlichen Eigenschaften sind bei ihnen auch nicht die charakteristischen.

 

5. Konsequenzen für das Leib-Seele-Problem

Aus Kripkes hier entwickelter Methodologie ergeben sich auch Konsequenzen für das Leib-Seele-Problem. Dabei bietet er keine Lösung für dieses Problem an, sondern sein Ziel liegt einfach darin, die Identitätstheorie zu widerlegen. Dabei argumentiert er nicht positiv für den Dualismus, sondern lässt das Problem in Name und Notwendigkeit letztlich offen. Sein Ausgangspunkt ist dabei ein Argument von Descartes. Dieses Argument müssen die Materialisten bzw. Identitätstheoretiker als falsch erweisen. Nach Kripke aber schaffen sie das nicht. Hier ist zuerst einmal das Argument:

 

P1 Der Geist könnte nicht ohne den Körper existieren.

C Also, der Geist ist vom Körper verschieden.

 

Nun, wie kann der Identitätstheoretiker auf dieses Argument reagieren? Zum ersten kann er versuchen P1 zu akzeptieren und muss dann nachweisen, dass aus P1 nicht C folgt. Zweitens kann er behaupten, dass P1 schon falsch ist. Damit würde dann zwar C aus P1 folgen, aber P1 und C wären falsch. Beide Möglichkeiten versucht Kripke zurückzuweisen. Ich komme zuerst zur ersten.

 

Wenn man P1 akzeptiert, dann akzeptiert man, dass der Geist ohne den Körper existieren könnte. Daraus soll dann aber nicht folgen, dass er es tatsächlich tut. Identitätstheoretiker (wie z.B. Place, Smart) haben hier mit der ‚kontingenten Identität‘ versucht zu argumentieren. Dabei könnte es tatsächlich sein, dass es eine mögliche Welt gibt, in der der Geist ohne den Körper existiert, dass das aber in dieser Welt – wie wir empirisch herausgefunden haben – nicht so ist. Nun ist aber in diesem Argument wohl vorausgesetzt, dass kontingent und empirisch (aposteriorisch) wohl ungefähr dasselbe bedeutet bzw. immer zugleich vorkommen. Das hat Kripke klar abgelehnt (vgl. die Argumentation oben). Wenn zwei starre Designatoren wie z.B. ‚Schmerz‘ und ‚C-Faser-Reizung‘ miteinander identifiziert werden, dann kann es nicht sein, dass es eine mögliche Welt gibt, in der diese nicht miteinander identisch sind. Nun kann sich der Identitätstheoretiker versuchen dadurch zu retten, indem er nicht ‚Schmerz‘ sondern ‚ein Schmerz sein‘ mit ‚C-Faser-Reizung‘ gleichsetzt. ‚Ein Schmerz sein‘ wäre dann nur ein akzidentieller Designator. Doch dies wäre wohl ein starker Notbehelf. Denn ‚ein Schmerz sein‘ ist eine notwendige Eigenschaft von ‚Schmerz‘. Und demnach müsste dann auch die Identität zwischen ‚Schmerz‘ und ‚C-Faser-Reizung‘ notwendig gelten.

 

Die kontingente Identität hilft also nicht weiter. Wie wäre es nun mit der Möglichkeit, schon P1 als falsch zu erweisen? Es könnte also so scheinen, dass der Geist ohne den Körper vorkommen würde, aber in Wirklichkeit ist es nicht so. Es wäre also scheinbar denkbar, dass ‚C-Faser-Reizung=Schmerz‘ nicht gilt, dass es aber in Wirklichkeit eben nicht so ist. Um dieses zu zeigen kann man sich analoge Fälle aus den Naturwissenschaften anschauen. ‚Wärme ist identisch mit der mittleren kinetischen Bewegung der Moleküle‘ scheint ein typischer Fall für eine aposteriorische und notwendige Aussage zu sein. Nun könnte man sich aber denken, dass es komisch scheint, dass die Wärme, die ich gerade fühle, identisch mit Molekülbewegung ist. Es gibt also hier einen prima-facie-Eindruck von Kontingenz. Es könnte eben doch sein, dass Wärme nicht Molekularbewegung ist. Diesen Eindruck kann man aber wegerklären, indem man sagt, dass etwas an der Aussage dran ist, dass Wärme nicht Molekularbewegung ist. Denn wenn man genau spricht, ist hier nicht Wärme, sondern Wärmeempfindung gemeint. Und in der Tat, es könnte tatsächlich so sein, dass Wärmeempfindung ohne Molekülbewegung existiert. Denn es ist eine kontingente Tatsache, dass es auf der Welt empfindungsfähige Wesen wie z.B. Menschen gibt, die Wärme wahrnehmen. Dagegen ist es aber keine kontingente Tatsache, dass Wärme Molekularbewegung ist. Denn Wärme ist etwas, was ‚da draußen‘ existiert. Es muss dafür keine Menschen geben, damit es Wärme gibt.

 

Nun kann man überlegen, ob ein analoger Fall im Falle von ‚C-Faserreizung ist identisch mit Schmerz‘ vorliegt. Schmerz wäre demnach ein Phänomen ‚da draußen‘, während Schmerzempfindung etwas ist, das Menschen eben fühlen, wenn Schmerz bzw. C-Faser-Reizung auftritt. Die scheinbare Kontingenz könnte auf diese Weise eventuell wegerklärt werden. In Wirklichkeit gibt es keine Kontingenz. Doch Kripke meint, dass dies nicht geht. Dafür hat er (ca.) folgendes Argument:

 

P1 Schmerzempfindung könnte auch ohne C-Faser-Reizung vorkommen.

P2 Schmerzempfindung ist essentiell für Schmerz.

C Also, Schmerz könnte auch ohne C-Faser-Reizung vorkommen.

 

Die erste Prämisse P1 besagt einfach, dass es hier eine Kontingenz zwischen der Empfindung von Schmerz und der C-Faser-Reizung gibt. Genauso wie es eben eine Kontingenz zwischen Wärme und Molekularbewegung gibt. Kripke geht aber davon aus (P2), dass die phänomenologische Eigenschaft von Schmerz, Schmerz zu empfinden, eine essentielle Eigenschaft von Schmerz ist. Denn – das ist auch nahe unserer Intuition – wenn wir Schmerz fühlen, dann ist das einfach der Zustand, bei dem Schmerz vorkommt. Daraus folgt dann eben, dass Schmerz auch ohne C-Faser-Reizung vorkommen könnte und die Identitätstheorie falsch ist. Die zweite Strategie der Identitätstheoretiker wäre demnach auch gescheitert.